Ein echter Tschatų werden

Nachdem der unerwartet bei mir erschienene Düssum Tjenpa sich vergewissert hatte, wie es um seinen von Padmasambhava übernommenen nicht-menschlichen Schüler stand, machte er sich daran, mir wie angekündigt auf meinem Weg zu helfen. Als er dabei mein großes Erstaunen über seine unendliche Güte bemerkte, mich aus eigenem Antrieb zu besuchen, statt darauf zu warten, dass ich als sein Schüler wie in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis üblich zu ihm kam, forderte er mich eindringlich auf:

»Berggeist, fasse dich! Es ist mir wohl bewusst, dass du wegen deiner physischen Gebundenheit an diesen Berg nicht in der Lage bist, dich zu mir aufzumachen. Außerdem konntest du ohne Kenntnis der Welt außerhalb deines Bergs nichts davon wissen, dass der von dir hochverehrte Guru Rinpotche mich gebeten hat, dich als Schüler von ihm zu übernehmen! Das heißt allerdings nicht, dass ich den eigentlichen Grund dafür vernachlässigen würde, weshalb ein Schüler zu seinem Lehrer kommen soll und nicht umgekehrt, ja weshalb er seinen Lama sogar um Belehrung bitten soll. Doch möchte ich erst einmal nichts weiter dazu sagen, bevor ich nicht deine Meinung zu diesem Punkt gehört habe.«

Bei diesen Worten erfasste mich abermals unendliche Verlegenheit. Über dieses Thema hatte ich noch nie nachgedacht. Der Gedanke, ich könnte die mir durch mein Padmasam­bha­va gegebenes Versprechen auferlegten Aufgaben einfach so vernachlässigen, um irgendwo nach einem anderen Lehrer für mich zu suchen als den meinem Schutz anvertrauten Nonnen und Yoginis, war für mich schlichtweg unvorstellbar.

Jetzt war jedoch ein Lama zu mir gekommen – noch dazu einer mit profunden Kenntnissen und Fähigkeiten. Das war zwar auch etwas, mit dem ich in meiner möglicherweise etwas einfältigen, auf das mir anvertraute Gebiet und die mir gegebenen Aufgaben beschränkten Weltsicht nicht im Traum gerechnet hätte. Doch handelte es sich immerhin um eine Situation, die ich in ähnlicher Form bereits einmal erlebt hatte, als Padma­sambhava mich als seinen Schüler angenommen hatte.

Durch die Erinnerung an jene Begegnung begriff ich, worauf Düssum Tjenpa mit seinen Worten hinauswollte: Ein Schüler, der seinen potenziellen Lehrer nicht um Belehrung bittet, hat Herz und Geist nicht ausreichend geöffnet, um dessen Worte erfassen zu können. Daher ist ein solcher Unterricht vollkommen nutzlos.

Zu dieser Einsicht war ich durch das Verständnis gelangt, dass ich niemals in der Lage gewesen wäre, das mich gefangen haltende Gestein zu verlassen und Padmasambhava zu begegnen, hätte ich nicht bereits vorher Liebe wie Vergebung in meinem eigenen Herzen gefunden und daraufhin beschlossen, dass beides durch mich in die Außenwelt strahlen solle. Und ohne den Pakt mit dem weisen Yogi zu schließen, der mich von einem gerade erst der Hölle entkommenen Geistwesen zu einem Schutzgeist gemacht hatte – also ohne die Einwilligung, mich auf die mir von Guru Rinpotche gestellten Bedingungen für seine Hilfe einzulassen – hätte ich keinerlei Belehrung von ihm erhalten.

Zugegebenermaßen hatte ich den Yogi nicht direkt mit Worten um Unterweisung gebeten. Dazu war ich damals schlichtweg nicht in der Lage gewesen, hatte ich doch nicht einmal gewusst, dass es bei der Hilfe, die er mir erweisen wollte, darum ging, mich auf den Pfad der Nachfolger Buddha Shakya­munis zu begeben – einen Weg, von dem ich bis dahin ebenfalls noch nie etwas gehört hatte. Doch hatte ich stattdessen immerhin meine Bereitschaft signalisiert, den Ausführungen dieses Mannes, der mir die Chance bot, mein Dasein in die von mir selbst angestrebte heilsamere Zukunft zu führen, nicht nur zuzuhören, sondern auch zu versuchen, sie in die Tat umzusetzen.

Als ich Düssum Tjenpa aufgrund dieser Überlegungen nun mitteilen wollte, wie sehr ich mich darüber freute, dass er der Bitte Guru Rinpotches nachgekommen sei, mich als Schüler zu übernehmen, und ich ihn daher um Hilfe auf dem mir von Padma­sambhava aufgezeigten Pfad bäte, kam der Mönch mir zuvor, indem er meinen Gedankengang unterbrach:

»Berggeist, deinen Gedanken zu lauschen ist für jeden Lama eine wahre Freude! Da ich nun deine Einstellung zu einer Belehrung durch mich kenne, können wir auf Formalitäten verzichten und gleich zur Sache kommen, mein Schüler. Dabei ist es wichtig, dass du mir gut zuhörst. Selbstverständlich rührt mich deine große Freude über meinen Besuch. Gleichwohl solltest du nun deine Emotionen zügeln, um es deinem Geist zu ermöglichen, vollständig bei meinen Erklärungen zu weilen … Gut, so ist es besser.

Bevor ich mit meiner eigentlichen Unterweisung beginne, ist es meiner Meinung nach zwingend, dass du dir eines deutlich vor Augen führst: Die Absicht, mit der wir etwas unternehmen, bestimmt maßgeblich, wie und in welchem Maße es verwirklicht wird. Nimm dein eigenes Beispiel: Als Gegenleistung für Guru Rinpotches Belehrung über deinen den Ausdruck deines geistig-emotionalen Wesens darstellenden Scheinkörper hast du ihm versprochen, Folgendes zu versuchen: im Allgemeinen deine Gefühle unter Kontrolle zu halten sowie im Besonderen deine Wut in Liebe zu verwandeln, den Ort und die hier Praktizierenden zu schützen sowie an den Übungen der deinem Schutz Anbefohlenen teilzunehmen. Erst durch die Umsetzung all dieser Versprechen in die Tat hast du mit der Zeit eine Veränderung deiner Persönlichkeit bewirkt, die ausreichend gewesen ist, dich zu dem Beschluss zu befähigen, ein echter Damtchen, also eidgebundener Schützer zu werden.

Diesen Entschluss zu verwirklichen, ist dir geglückt. Das merkt man bereits an dem Umstand, dass du deine Aufmerksamkeit dermaßen geschärft und dein Herz derartig geweitet hast, dass du in der Lage bist, meinen Hut zu sehen.

Wie du ebenfalls aus eigener Erfahrung weißt, handelt es sich bei dem Schützer eines heiligen Orts trotz seines Diensts grundsätzlich erst einmal um ein in den Kreislauf leidvoller Wiedergeburten verstricktes Wesen. Willst du Befreiung davon erlangen, musst du einen Schritt weiter gehen als bisher. Das tust du auf dieselbe Weise, wie du dich zu einem echten Damtchen gemacht hast: Du stellst dir mit aller Macht vor, etwas zu sein, von dem du genau weißt, dass du das im Augenblick noch gar nicht bist, um es dadurch in Zukunft zu werden. Diese Art, sich mit dem angestrebten Ziel zu identifizieren, stellt eine besondere Visualisierungsmethode dar, die man Devata Yoga nennt. Hast du schon einmal davon gehört?«

»Ja, das habe ich. Meine Schützlinge üben viele unterschiedliche Versionen davon. Ich selbst habe mich dabei bisher allerdings stets zurückgehalten, weil ich mich ohne Erlaubnis eines Lehrers nicht für berechtigt gehalten habe, mich selbst als Meditationsgottheit zu visualisieren. Außerdem gibt es dermaßen viele dieser Jidams, dass ich gar nicht wüsste, als welchen ich mich mir vorstellen sollte!«

Auf dieses Geständnis hin erkundigte Düssum Tjenpa sich:

»Sind das die einzigen Gründe für deine Abstinenz bei dieser Übung?«

»Nein. Ich muss gestehen, ich verstehe nicht, wie sie gelingen soll.«

»Sag, Berggeist, glaubst du an ein unveränderliches und daher ewiges Selbst?«

Um das zu tun, hatte ich zu lange über das von meinen Schützlingen Geübte nachgedacht. Infolgedessen verstand ich auch, dass mein neuer Lehrer mit dieser Frage darauf hinauswollte, wie sehr ich den Buddha-Dharma für mich verinnerlicht hatte – die Lehren Buddhas, die ich ebenso schützen sollte wie den heiligen Berg und seine Bewohner.

»Wie aber sorgst du für diesen Schutz?«, unterbrach Düssum Tjenpa meinen Gedankengang.

Verlegen schaute ich zu Boden. Der weise Lama hatte zielgenau meine größte Schwäche zu Tage gefördert. Zwar hatte Padmasambhava bei seiner Belehrung damals erwähnt, dass es zu meinen Aufgaben gehöre, den Buddha-Dharma zu schützen. Doch hatte er mir in dieser Hinsicht keine weiteren Erläuterungen gegeben. Obwohl ich mich, wie ich soeben erfahren hatte, nun bereits gut vierhundert Jahre darum bemühte, den Nonnen und Yoginis in ihrem Tun zu folgen, war ich in dieser einen Angelegenheit bis zum heutigen Tag um nichts schlauer geworden. Trotz der davon hervorgerufenen Beschämung gab ich aufrichtig zu:

»Ich fürchte, dass ich das noch gar nicht tue, da ich nicht weiß, wie ich es anstellen soll.«

»Dazu müsstest du ein echter Tschatų – also die zornvolle Erscheinungsform eines Buddhas – werden.«

»Ja, geht das denn überhaupt?«

»Aber selbstverständlich! Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es allerdings eines kleinen Umwegs. Du weißt doch sicher, was ein Bodhisattwa ist, oder?«

»Das ist jemand, der gelobt hat, alles zu tun, um seine Mitwesen bei ihrer Selbstbefreiung aus dem Kreislauf leidvoller Wiedergeburten zu unterstützen. Dabei bringt das erfolgreiche Beschreiten des Bodhisattwapfads den Bodhisattwa selbst ebenfalls immer näher an das Ziel des Erwachens.«

»Richtig. Du, Berggeist, bist ein ursprünglich ausschließlich zorngetriebener Dämon, möchtest jedoch ein Buddha werden. Schließlich ist es das, was du meinst, wenn du sagst, dass du ›den Kreislauf leidvoller Wiedergeburten durchbrechen‹ willst. Dass du da eine zornvolle Erscheinungsform annimmst, liegt viel näher als bei jedem anderen Wesen, oder etwa nicht?«

»Ehrlich gesagt, habe ich darüber niemals nachgedacht. Immerhin üben meine Schutzbefohlenen nicht mit diesem Ziel. Wenn sie sich den Erwachten vorstellen, dann als unendlich sanften Menschen. Trotzdem scheint mir Euer Gedankengang überzeugend. Doch was hat das Ziel, ein echter Tschatų werden zu wollen, mit dem Pfad eines Bodhisattwas zu tun? Ich sehe da keinen Zusammenhang.«

»Weil dieser nicht in der Sache liegt, sondern in deinen persönlichen Übungsbedingungen. Wie du gerade selbst gesagt hast, lernst du mit den und durch die deinem Schutz Anvertrauten. Mit ihrer Hilfe kannst du dich darin üben, ein Bodhisattwa zu sein. Tust du das mit der nötigen Hingabe, wird dich das dem grundsätzlichen Ziel – also Erwachen zu erlangen – näherbringen. Das ist der eine Weg, den du beschreiten musst.

Der andere besteht darin, dich mit sämtlichen Eigenschaften einer der zornvollen Erscheinungsformen eines Erwachten vertraut zu machen. Dies geschieht durch die vorhin erwähnte Jidam-Visualisierung. Mit ihr kommst du folgendermaßen ans Ziel: Genauso, wie du dir vorgestellt hast, ein echter Dam­tchen zu sein, und dir dessen Aufgaben und Eigenschaften dadurch bildlich gesprochen in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist es möglich, dass du dich nach und nach in das Wesen eines Tschatųs hineinlebst. Voraussetzung dafür ist, dass du gleichzeitig ernsthaft dem Bodhisattwapfad folgst und auch weiterhin an allen Bemühungen deiner Schutzbefohlenen auf dem Pfad teilnimmst.

Dabei sind die Ngöndro-Übungen von besonderer Wichtigkeit. Damit du es einfacher hast, werde ich dir hierzu ein von Guru Rinpotche verstecktes Terma zeigen, das uns Menschen betreffend für viel spätere Zeiten gedacht ist. Es enthält eine Ngöndro-Kurzversion, die du am besten auswendig lernst.

Berggeist, sei gewarnt! Bei deiner neuen Praxis gilt es, Folgendes unbedingt zu beachten: Für das Üben von Devata Yoga gibt es eine äußerst wichtige Vorbedingung. Die lautet, niemals zu vergessen, dass du mit Illusionen arbeitest, um daraus Wirklichkeit zu erschaffen.«

»Aber wie kann das gelingen?«, warf ich ein. »Ich muss gestehen, ich bin verwirrt.«

Daraufhin entgegnete Düssum Tjenpa:

»Eine Illusion ist nur so lange etwas Gefährliches, wie wir sie für Realität erachten. Sobald wir den illusionären Charakter dessen erkannt haben, was wir gemeinhin für die Wirklichkeit des Seins halten, versetzt uns das in die Lage, Vorstellungen vollkommen bewusst und gezielt für ein Vorankommen auf dem zum Erwachen führenden Pfad einzusetzen.

Im Augenblick vermagst du zwar noch nicht alles zu verstehen, was ich dir jetzt sage. Doch musst du das auch nicht. Mach es, wie mit dem, was Padmasambhava dir einst erklärt hat und das du auch erst nach und nach in seiner gesamten Dimension begriffen hast: Bewahr meine Worte in deinem Herzen. Folg mir mit dem Vertrauen, das du Guru Rinpotche stets entgegengebracht hast, und du wirst es nicht bereuen.

Wenn du den von mir aufgezeigten Weg gehst, denk immer daran, dass es das Sein eigentlich nicht gibt. Nur das Werden ist real. Daher kommt deiner Absicht, wer du werden möchtest, außerordentlich große Bedeutung zu. Wie jedes Wesen, das dazu in der Lage ist, Entschlüsse zu fassen, verfügst du über die Fähigkeit, dich mit der Zeit dermaßen zu verändern, dass du letztendlich Buddhaschaft erlangst. Dazu ist es allerdings unbedingt erforderlich, dass du dein Werden ohne Unterlass aktiv auf dieses Ziel hin ausrichtest.

Für dich als einen aus einem zornvollen Dämon hervorgegangenen Berggeist und Damtchen bedeutet dies, dass du mir gegenüber das Bodhisattwa-Gelübde ablegst und dich unausgesetzt in der Illusion übst, ein echter Tschatų zu sein, um letzten Endes tatsächlich ein erwachter Dharmapala zu werden. Da es, wie du selbst bereits erwähnt hast, eine Menge verschiedener zornvoller Erscheinungsformen unterschiedlicher Buddhas gibt, werde ich dir den benennen und erklären, den du zu deinem Jidam machen sollst. Bist du damit einverstanden?«

»Ja, mein Lehrer«, antwortete ich zutiefst gerührt über Düssum Tjenpas Vertrauen in mich wie meine Fähigkeiten sowie über seine Liebe und die unglaublich geduldige Mühe, die er sich mit mir gab, obwohl er mich bisher lediglich durch eine Vision kennengelernt hatte.