Blindes Aufbegehren

Trotz der sanften Art des Erwachten, die unmissverständlich davon zeugte, dass er vollkommen zufrieden und glücklich in sich und der Welt ruhte, lösten seine Worte bei mir eine heftige Gefühlreaktion nach der anderen aus. Als er nun mit seiner Erklärung dessen geendet hatte, was er als Bedingtes Entstehen bezeichnete, wollte mich abermals Verzweiflung überkommen. Denn obwohl ich ihm aus meiner Erfahrung heraus zuzustimmen vermochte, dass die Welt sich ohne Unterlass ändert oder mit seinen Worten ausgedrückt in einem unausgesetzten Werden begriffen ist, entstand in meinem Leben nichts anderes als Krieg und noch mehr Krieg – mit mir selbst wie mit allem und jedem um mich herum. Weshalb? Als karmisches Ergebnis davon, dass ich Kosaladevi getötet hatte? Aber wieso hatte ich das überhaupt getan, obwohl ich es doch eigentlich gar nicht gewollt hatte?

Darauf fiel mir nur eine einzige Antwort ein: Bestimmt war ich schon vor meinen Albträumen und Halluzinationen nicht ganz zurechnungsfähig gewesen. Immerhin handelte es sich bei mir um das Ergebnis eines Inzests. Wenn ich aber ohnehin rettungslos dem Wahnsinn verfallen war – was machte ich dann hier? Wozu dieses Gespräch? Das alles hatte doch überhaupt keinen Sinn!

Obwohl es soeben noch mein innigster Wunsch gewesen war, auf ewig in den Armen des Tathagata verbleiben zu dürfen, verspürte ich aufgrund meiner verzweifelten Gedanken plötzlich den übermächtigen Drang, Reißaus zu nehmen. Allerdings kam ich nicht dazu, auch nur zu versuchen, mich aus der Umarmung des Buddhas zu befreien. Mit seinem großen Einfühlungsvermögen hatte der bereits bemerkt, was in mir vor sich ging. Mich trotz seines hohen Alters auf einmal mit aller Kraft festhaltend fragte er:

»Kunika, warum willst du plötzlich das von dir so dringend gesuchte Gespräch mit mir beenden? Was erhoffst du dir davon?«

»Nichts! Lasst mich los! Ihr verschwendet Eure kostbare Zeit. Es hat keinen Sinn, mir etwas erklären zu wollen.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich verrückt bin! Unheilbar geisteskrank! Zwar habe ich das schon immer geahnt, doch habe ich es erst durch Eure Worte vom ständigen Werden klar verstanden: Mein Werden besteht ausschließlich aus Krieg und wieder Krieg. Und es gibt nur eine einzige Möglichkeit, das zu beenden …«

»Kunika, nicht doch! Selbstmord war noch nie eine Lösung. Lass mich dir helfen. Bitte!«

Ich aber wollte mir nicht mehr helfen lassen. Daher versuchte ich mit aller Gewalt, mich aus der Umklammerung des Tathagata zu befreien. Unsere Körperkräfte betreffend hatte der Greis gegen mich nicht die geringste Chance. Erst, als er sich bei unserem Gerangel den Kopf an der steinernen Wand stieß, vor der er saß, und ihm ein Ausruf des Schmerzes entfuhr, hielt ich ein. Entsetzen über mich selbst überkam mich. Was hatte ich getan? Aufs Äußerste erschrocken fragte ich:

»Onkel Siddhartha, Erhabener, seid Ihr verletzt?«

Seinen Hinterkopf betastend antwortete der Erwachte etwas benommen:

»Kunika, beruhige dich, es ist alles in Ordnung. Ich habe mich lediglich gestoßen – so leicht, dass ich nicht einmal einen Kratzer davongetragen habe.«

Voll verzweifelter Reue warf ich mich nach diesen Worten vor dem Tathagata nieder und bat ihn unter Tränen um Verzeihung. Diesmal war der Weinkrampf so stark, dass ich mich unter Schluchzern auf dem Boden liegend zusammenkrümmte, als wolle ich mich einerseits so klein machen wie möglich und mich andererseits irgendwie an mir selbst festhalten. Dabei zitterte ich am gesamten Leib. War das soeben Geschehene nicht Beweis genug für meinen Irrsinn?

Da ich keine Chance sah, meinem kranken Gemüt zu entfliehen, wünschte ich mir, ich könne jetzt gleich hier auf der Stelle sterben. Doch gab Onkel Siddhartha mich nicht auf. Ganz im Gegenteil: Er kam zu mir herübergekrochen, legte sich wortlos hinter mich, sodass sein Körper den meinen berührte, und umarmte mich abermals. Weiterhin schweigend streichelte er mich begütigend. Wie bereits zuvor brachte seine Berührung mir auch diesmal Heilung.

Als ich mich nach einiger Zeit wieder etwas beruhigt hatte, setzte der alte Mann sich auf und sagte eindringlich:

»Kunika, mein Sohn, bitte lass dich an meiner Seite nieder.«

Von der mir gezeigten Liebe überwältigt tat ich wie mir geheißen. Daraufhin nahm der Erwachte mich erneut in den Arm und sprach:

»Es ist alles gut. Vor mir brauchst du dich weder zu schämen, noch musst du ein schlechtes Gewissen haben. Ich liebe dich, mein Sohn. Du bist nicht wahnsinnig, bloß hochgradig verblendet. Doch können wir das ändern – du und ich gemeinsam. Bitte hab ein wenig Geduld. Wenn du mir bei dem, was ich dir gleich sagen werde, mit offenem Geist folgst, wirst du verstehen lernen, was wirklich mit dir los ist. Dann wirst du bald fähig sein, Schmerz und Auflehnung loszulassen. Das möchtest du doch, nicht wahr?«

Unfähig, meine Zustimmung in Worte zu kleiden – und zwar diesmal vor Ergriffenheit über das liebevolle Verhalten Onkel Siddharthas, ganz besonders darüber, dass er mich in einer über die übliche Floskel hinausgehenden Weise »Mein Sohn« genannt und sogar gesagt hatte, er liebe mich –, wischte ich mir die Tränen aus den Augen, atmete tief durch und nickte wortlos meine Bestätigung.